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Notfallsanitätergesetz ist „Einstieg in ein notarztfreies Rettungssystem“

22.06.2012, 12:30 Uhr

Foto: R. Schnelle

Stellungnahme der Bundesärztekammer zum Referentenentwurf

Heute ist die Stellungnahme der Bundesärztekammer zum Referentenentwurf eines Gesetzes über den Beruf des Notfallsanitäters bekannt geworden. Darin heißt es, dass das Ziel dieser veränderten Ausbildung neben der Kompetenzerhöhung und -sicherung durch eine verlängerte Ausbildung auch sein sollte, dass die zukünftigen Notfallsanitäter ihre beruflichen und fachlichen Möglichkeiten innerhalb eindeutiger rechtlicher Rahmenbedingungen entfalten können. Die Bundesärztekammer begrüße deshalb, dass die bisher zweijährige Rettungsassistentenausbildung auf eine dreijährige Notfallsanitäterausbildung ausgeweitet werden soll, „um die notwendige Zeit für zusätzliche Ausbildungsmodule zur Stärkung der Handlungskompetenz des Rettungsfachpersonals in der präklinischen Notfallversorgung zu schaffen.“

Im Referentenentwurf werde den Notfallsanitätern mit der eigenverantwortlichen Durchführung angemessener medizinischer Maßnahmen allerdings eine weitgehende und unbestimmte Freigabe erteilt, die in keinem Verhältnis zur geplanten Ausbildung stehe. Der fachliche Umfang der zukünftig eigenständig durchzuführenden Maßnahmen erscheint der Bundesärztekammer insbesondere angesichts der dreijährigen Ausbildung, der gestellten Eingangsqualifikation eines Realschulabschlusses und dem möglichen Einstiegsalter deutlich zu umfassend. Als Beispiel wird die unter „Mitwirkung“ aufgezählte „erweiterte medizinische Diagnostik und Therapie“ der „medikamentösen Therapie“ und „Narkoseeinleitung“ genannt. Diese seien derart „gefahrengeneigt“, dass auch Ärzte sie erst nach zusätzlicher Qualifikation und mehrjähriger Berufserfahrung durchführen könnten.

Die Überführung eines nicht-ärztlichen medizinischen Fachberufs in einen zu begrenzt selbstständiger Heilkundeausübung trage weder zur Patientensicherheit noch zur Qualität der Versorgung bei. Stattdessen befördere es eher die Fragmentierung des Gesundheitssystems und den Einstieg in ein notarztfreies Rettungssystem. Die Bundesärztekammer kommt daher zu dem Ergebnis, dass sie der Einordnung des neuen Berufsbildes in einen zur begrenzt selbstständigen Heilkundeausübung befugten Fachberuf nicht zustimmt. Es sei nicht geboten, dass Notfallsanitäter künftig regelhaft und ohne Hinzuziehung von Notärztinnen und Notärzten bei Notfallpatienten in Notfallsituationen heilkundlich tätig werden.

Die Stellungnahme der Bundesärztekammer finden Sie hier.

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Kommentare

«1 2  »
22.06.2012, 14:06 Uhr von Jann
Hallo,

wenn man die eine oder andere Stellungnahme der Ärzteschaft aktuell so durchliest, kann man schon etwas Angst vor unseren Ärzten bekommen.

Im Einsatz arbeiten RettAss und RS bei Anwesenheit eines Arztes immer nach der ärztlichen Richtungsansage. Nimmt man das Argument der BÄK auf also auch immer dann, wenn der Doktor frei von jeder notfallmedizinischen Sachkenntnis oder Fähigkeit ist.

Hilfe ...
22.06.2012, 14:24 Uhr von Hans
@Jann: So ist das! Die ärztlichen Standesvertreter haben die Welt schon immer in Ärzte und "Nicht-Ärzte" eingeteilt. Das war vor mehr als 20 Jahren schon so, als die Frühdefibrillation durch Rettungsfachpersonal in Göttingen, Mainz, Berlin und anderswo getestet wurde. Immer unter Ärzte-Vorbehalt und noch 10 Jahre später bei Aufkommen der Public Access Defibrillation wurde bei den Nicht-Ärzten kein Unterschied zwischen der Hausfrau Gabriele Mustermann und dem Rettungsassistent Norbert Müller gemacht - alles Laien. Aber der Arzt an sich weiß und kann alles mit erfolgter Approbation ...
22.06.2012, 15:13 Uhr von Thomas
"...dass die bisher zweijährige Rettungsassistentenausbildung auf eine dreijährige Notfallsanitäterausbildung ausgeweitet werden soll, „um die notwendige Zeit für zusätzliche Ausbildungsmodule zur Stärkung der Handlungskompetenz des Rettungsfachpersonals in der präklinischen Notfallversorgung zu schaffen.“

Im Klartext heißt das also: Das Rettungsfachpersonal soll zwar länger lernen und sich damit länger mit Verbandlehre, Blutdruckmessen, EKG anlegen und Umgang mit Schienungs- bzw. Ruhigstellungsmaterial beschäftigen, auch auf die Gefahr hin, sich mehrfach in der Ausbildung zu wiederholen, aber nur ja nicht auch nur die kleinste Kleinigkeit mehr machen bzw. anwenden dürfen (es ist absichtlich überspitzt formuliert)!
Wozu braucht's denn dann eine dreijährige Ausbildung, werte Herrschaften von der BÄK? Zumal diverse ärztliche Gruppierungen wie z.B. die BAND oder die AGBN das Ganze wesentlich realistischer sehen und eine Ablehnung sich lediglich auf die Einleitung von Narkosen, Thoraxdrainagen und erweiterte medikamentöse Therapie durch RD-Personal bezieht. Aber davon ist schließlich auch keine Rede, dass derartige Maßnahmen von nicht-ärztlichem Personal durchgeführt werden sollen!

Damit ist leider wieder einmal erwiesen, dass die BÄK lediglich ein ärgerliches Hindernis auf dem Weg zu einer Modernisierung und Schaffung eines zeitgemäßen rettungsdienstlichen Berufsbildes ist! Dabei sollte sich die BÄK vielleicht mal um ihren eigenen Stand kümmern. Ein jeder kehre vor seiner Tür!
23.06.2012, 05:52 Uhr von S
Mal ganz blöd gefragt: Woher kommt eigentlich diese ominöse "Narkoseeinleitung"? Ich habe das weder in dem Referentenentwurf noch dem Kommentar gefunden. Wurde hier mal wieder ein Schreckgespenst geschaffen?

(News am Rande: Nach eigener Aussage auch aufgrund der "jüngsten gesetzlichen Entwicklungen" hat der ÄLRD der Stadt München allen Leistungserbringern ALLE Medikamentengaben - mit Ausnahme von VEL und Sauerstoff - untersagt. Traurig.)
23.06.2012, 11:36 Uhr von Michael
Ich gebe der Bundesärztekammer absolut Recht. Viele Rettungsassistenten leiden unter maßloser Selbstüberschätzung. Ärztliche Tätigkeiten gehören in die Hände von Ärzten. Wenn Rettungsassistenten wie Ärzte handeln wollen, hätte sie Ärzte werden sollen. Wenn die persönlichen Voraussetzungen dafür nicht ausreichend sind, muss man sich damit abfinden.

Wir sollten lieber schauen, wie wir das Notarztsystem weiter stärken können und eine flächendeckende notärztliche Versorgung gewährleisten können, anstatt 21-jährigen Realschülern nach dreijähriger Ausbildung die Narkoseeinleitung zu erlauben.
23.06.2012, 13:42 Uhr von Stefan
Man muss es auch mal realistisch sehen: Bei einer dreijährigen Ausbildung ist der Auszubildende, egal in welchem Beruf, auch einfach nur ein Stückweit billige Arbeitskraft. Und hier gilt auch der Spruch ebenso: Lehrjahre sind keine Herrenjahre!

Ich persönlich hoffe, dass auf jeden Fall die dreijährige Berufsausbildung kommt und dass die Politik genug Augenmaß und Weitsicht zeigt, einen vernünftigen Kompromiss in diesem Getzesvorhaben zu erstellen.

Und an die sich hier echauffierenden Ärztevertreter sei gesagt: Kehren Sie erst mal vor Ihrer eigenen Haustüre! Sorgen Sie dafür, dass es endlich einen Facharzt für Notfallmedizin gibt, so dass es nicht mehr dem Zufall überlassen ist, ob der Notfallpatient einen guten oder "weniger" guten Notarzt bzw. Aufnahmearzt in der Notaufnahme bekommt!

Offensichtlich erkennen Sie nicht, dass bei einer notfallmedizinischen Berufsausbildung es wie beabsichtigt zu einer intensiven Spezialisierung der Auszubildenden für diesen Bereich kommt, während bei dem von Ihnen erwähnten sechsjährigen Grundstudium der Medizin, die Notfallmedizin gerade mal etwas gestreift wird. Daher wird auf jeden Fall der nicht-akademische Notfallsanitäter gegenüber dem gerade promovierten Mediziner in diesen Belangen eine höhere Detailkenntnis und Fachkompetenz erreichen. Dass dies so ist, zeigen die jahrzehntelangen Erfahrungen in anderen europäischen Staaten, die ein solches System unterhalten.
23.06.2012, 16:36 Uhr von Olaf
Es ist zum K... Viele Notärzte beklagen sich, sie müssten immer wieder zu "sinnlosen "Einsätzen, weil das Personal vor Ort "unfähig", übereifrig etc. sei.
Warum sehen die Standesvertretungen in der Weiterentwicklung des RD-Personals eine Gefahr für die Akteure/Patienten? Sie setzten u.a. den Rahmen, in dem der heutige RettAss seinen Allerwertesten in eine juristische Schlangengrube halten darf. Wenn sich das RD-Personal, durch bessere und längere Ausbildung, fachlich "freischwimmen" kann, entlastet das die Notärzte.

Zugegeben: Ausbildungsthemen wie Thoraxdrainage sind sinnfrei (aus meiner Sicht), da viele Notärzte sich da schon nicht sicher sind, im Sinne von selbiger Definition. Mehr Wissen über Narkose und Beatmung schadet allerdings nicht, was die Durchführung nicht pauschal betrifft.

Ich wünsche mir weniger Standesbrimborium. Ich möchte als RettAss (NFS) Rechts- und Handlungsicherheit haben, um nach aktuellen Standards und moderner Technik meine Arbeit zu verrichten. Ansonsten sollten die BÄK etc. sich bei Zeiten nach wesentlich mehr Kollegen umsehen, die den stark steigenden pärklinischen Arztbedarf auffüllen, mit entsprechenden Aus- und Fortbildungen natürlich.
24.06.2012, 06:16 Uhr von Gregor
Grüezi, ihr BÄ(c)Ker, AGBN'ler und BAND'ler! Warum beschwert Ihr Euch, dass die schmutzigen, handwerklich und juristisch diffizilen Handlangertätigkeiten künftig vom NFS gemacht werden sollen? In Deutschland wird es doch in Zukunft genügend freie Stellen für kompetente Ärzte als Ärztliche Leiter Rettungsdienst geben.
24.06.2012, 15:48 Uhr von Theodor
Thoraxdrainage?! Mmh ... Lass mal nachdenken. Ja, vor 7 oder 8 Jahren mal bei einem verunfallten Motorradfahrer gesehen. Hat der Doc vom Hubi gemacht, weil unserer Notarzt nicht so weit gekommen ist oder sich nicht getraut hat. Letzte Hypoglykämie? Ja, gestern und mit Doc, darf ja nur 'ne Vigo legen, wenn ich einen Doc gerufen habe. Der war wiedermal ziemlich angep..., deswegen aus dem Bett kommen zu dürfen. Letzter Krampf? Ja, vorgestern oder so und wiedermal mit Doc. Warum? Vigo mit einer Ampulle Dia!

Frage: Worum geht es eigentlich? Nicht um die Thoraxdrainage, die nur 5% der Ärzte überhaupt können, und die müssen es sich dann auch noch trauen. Ich als RettAss oder NFS oder Paramedic oder was auch immer habe da keinen Bock drauf, ich kann's auch nicht. Bin froh, wenn ich das Thoraxdrainagen-Set steril "aufgebaut" bekomme.

Es geht um den Standard, um die Sachen, die jeden Tag anfallen. Es geht um

- Menschlichkeit, sprich die Oma mit einer OSH-Fraktur nicht 20 Minuten mit Schmerzen auf den Doc warten zu lassen und dann schon mal ein bisschen Ketanest zu spritzen. Nein, nicht gleich 1.000 mg pro kgKG, sondern nur ein "bisschen", sodass die Oma sagt: Jetzt ist besser", und sie kann es aushalten.
- eine Reha nach Mega-Code durchzuziehen und nicht von einem HA, der keine Ahnung hat, gemaßregelt zu werden und dann 5:1 zu drücken, weil er 30:2 nicht kennt.
- einen Herzinfarkt nicht mit 25.000 Einheiten Heparin die Gerinnung kaputt zu machen, nur weil der ärztliche Kollege bei der letzten Fotbildung ...
24.06.2012, 21:00 Uhr von Warzecha
Und wieder dies unleidliche Diskussion: Wer darf was und wer nicht. Leute, bin ich froh, dass in "meiner" Zentralen Notaufnahme Teamwork angesagt ist und klare Regelungen, d.h. ich muss nicht wegen jeder Braunüle erst den Doc rufen, Medis können im festgelegten Rahmen gegeben werden und unsere Kompetenz wird auch eingefordert, da gerade in Zeiten des Ärztemangels und hoher Notdienstbelastung jede Hand gebraucht wird.

Im RTW neulich durfte ich nicht, was ich normalerweise kann, aber bei Erreichen der Notaufnahme hatte ich freie Bahn zum Wohle des Pat. Für mich ist es schon schwer, meine Kompetzen draußen nicht im vollen Umfang einsetzen zu können. Wie schon ein Kollege schrieb, es geht um die Basics, nicht um Thoraxdrainagen und andere heroische Taten.

Eins ist hierfür aber unerlässlich: eine gute, fundierte Ausbildung und Vertrauen in das nicht-arztliche Personal sowie klare Regeln!

Gruß
Martin
Krankenpfl. u. ETA
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