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Notruf-Missbrauch blockiert Rettungsdienste

06.08.2012, 12:53 Uhr

Foto: ILS Lausitz

Organisationen kritisieren zunehmendes „Anspruchsdenken“

Nach einem Bericht der „Märkischen Oderzeitung“ registrieren und kritisieren Mitarbeiter bei den Rettungsdiensten ein „wachsendes Anspruchsdenken der Anrufer“ der „112“ im Land Brandenburg. Die Fälle, die sich im Nachhinein als harmlos herausstellten, beliefen sich auf rund drei Fälle im Monat – in dieser Zeit sind die Rettungskräfte dann für wirklich lebensbedrohliche oder schwerwiegende Einsätze nicht verfügbar. Die Zeitung zitiert Lutz Freudenberg von der Regionalleitstelle Lausitz (Cottbus), der berichtete, dass „die Menschen“ „etwas wehleidiger geworden“ seien, vor allem in den Ballungsgebieten. Hier würde man schon „bei Husten, Schnupfen oder Heiserkeit zum Telefon greifen“. Dies stehe im Kontrast zu Dorfbewohnern, die erst dann den Ernst der Lage begriffen hätten, wenn „sie schon den Kopf unter dem Arm tragen“ würden.

Die Tendenz sehen auch Mitarbeiter anderer Leitstellen. Sven Kobelt, Leiter der Kreisleitstelle in Eberswalde, bestätigt den Trend für Barnim. In bestimmten Zeiten seien 75 Prozent der Einsätze eben solche, bei denen „der Patient auch am nächsten Tag zu seinem Hausarzt hätte gehen können.“ Auch in Frankfurt Oder herrscht laut Zeitungsbericht häufig ein Anspruchsdenken vor. Selbst der Sprecher der Brandenburger Notärzte im Rettungsdienst, Karsten Nimtz, bestätigt dies: Es stelle sich häufig heraus, dass „Patienten sich einfach mal durchchecken“ lassen wollten. Die seit April bundesweit geltende Telefonnummer des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigungen („116 117“) sei vielen Menschen einfach noch nicht bekannt.

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Kommentare

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06.08.2012, 14:24 Uhr von Markus
Zitat: [...] Die seit April bundesweit geltende Telefonnummer des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigungen („116 117“) sei vielen Menschen einfach noch nicht bekannt. [...]

Es drängt sich aber auch der Eindruck auf, dass Disponenten gelegentlich entweder diese Nummer nicht parat haben oder es vorziehen, die Verantwortung an eine "Besatzung vor Ort" abzugeben. Im Zweifelsfall wird dann ein RTW mit der Aufklärung unklarer Sachverhalte belegt, bevor der Anrufer an den Hausarzt oder den Notdienst/die Vertretung verwiesen wird.
06.08.2012, 15:59 Uhr von Jens, der 12.
@Markus:
Ich gehe davon aus, dass Sie schon seit Jahren in einer Leitstelle arbeiten, dass Sie sich erlauben können, so über die Disponenten zu urteilen. Sollte dies nicht so sein, bitte ich Sie, solche Unterstellungen zu unterlassen und lade Sie ein, in Ihrer Leitstelle des Vertrauens ein mehrwöchiges Praktikum zu absolvieren, damit Sie sehen bzw. hören können, welche haarsträubende Geschichten Ihnen der aufgeklärte und mündige "Vollkaskobürger" erzählt, weil er genau weiß, wie er die Disponenten unter Druck setzen und zum Handeln zwingen kann. Ich könnte ein Buch darüber schreiben ...

P.S.: Hier ist eindeutig die Politik gefordert, Möglichkeiten zu schaffen, um einem solchen Verhalten der geneigten Bürgerschaft Einhalt zu gebieten.
06.08.2012, 16:49 Uhr von E.
Markus, Jens: Ihr habt beide recht. Dazu kommt noch, dass der Ärztlliche Bereitschaftsdienst (in der Bevölkerung "Notfalldienst", was so nicht korrekt ist) oft keine Lust hat, zum Patienten zu fahren und dann eine tel. Einweisung macht, obwohl er den Patienten gar nicht gesehen hat. Gilt auch für einige Hausärzte. Somit werden oft Fahrzeuge belegt, obwohl ein Transport nicht nötig wäre.
Wie das aber die Politik ändern soll, weiß ich nicht.
06.08.2012, 17:14 Uhr von Jens, der 12.
@E. :
Zu Ihrer Frage, die Disposition des Hausbesuchsdienstes zwingend in den Leitstellen anzusiedeln (Vorteil: Es gibt nur einen Ansprechpartner in medzinischen Belangen und einem gegenseitigen Ausspielen der beiden Dienste durch den Bürger ist Einhalt geboten.)
- einen zentralen Fahrdienst für den Hausbesuchsdienst, idealerweise mit Fachpersonal besetzt (Vorteil: Der Arzt kann sich auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren und hat immer für den Fall eines Falles einen Zeugen dabei. Und als netter Nebeneffekt ist der Arzt standortmäßig kontrollierbar.)
- Besserer Vergütung der Notdienste für die Ärzte, um Anreize für die Besetzung der Notdienste zu schaffen.
Ich denke, das wären erste Maßnahmen, die den Rettungsdienst merklich entlasten könnten.
06.08.2012, 17:55 Uhr von Markus
@Jens

Ich arbeite seit 1990 hauptberuflich im Rettungsdienst und kann daher durchaus behaupten, dass mir alle, wirklich alle Höhen und Niederungen des Genres vertraut sind – ich glaube nicht, dass ich eine wie auch immer geartete Nachhilfe brauche.

Ich finde es sehr interessant, dass immer wieder nach der Politik gerufen wird. Das im Beitrag angesprochene Anspruchsdenken ist kein politisches sondern ein gesellschaftliches Problem. Da sind wir alle gefordert, Aufklärung zu betreiben – auch wenn es oft sehr mühsam und aussichtslos erscheint.
06.08.2012, 18:42 Uhr von Uwe
Im Zweifel würde sich doch jeder Disponent für einen RTW entscheiden, außer er möchte sich unbedingt einmal als Titelfigur der örtlichen Zeitung wiederfinden, gerne auch mit Blog. Wie war das doch mit Erfurt, Hamburg und Frankfurt? Es wurde doch schon einmal negativ ausgelegt, dass ein Disponent fragte, ob der Patient nach Alkohol rieche. Zum Einen nimmt das Anspruchsdenken in der Bevölkerung zu, zum Anderen sinkt die Bereitschaft, eine "falsche" (aus der Sicht der/des Betroffenen) Handlungsweise zu veröffentlichen. Gerne auch mit eigener Website, wie im Falle der getöteten (ohne Wertung) Hunde in SH.
06.08.2012, 22:18 Uhr von Markus
In unserem Rettungsdienstbereich sind es mindestens 3 nicht-notfallrelevante Einsätze am Tag! Auch bekommen diese "Patienten" klar erklärt, das es sich um den Rettungsdienst handelt, der gerufen wurde, welcher bei Notfällen und Lebensbedrohung (!) angefordert werden sollte.
Die Patienten werden vor Ort belassen, werden angehalten, mit dem Taxi oder durch Angehörige sich ins Krankenhaus bringen zu lassen. Eine Info geht an den Hausarzt oder KV-Dienst – ein Transport erfolgt durch den Rettungsdienst nicht.
07.08.2012, 23:10 Uhr von Theodor
Ich kenne solche Situationen. Eine ist mir besonders im Kopf geblieben, da wurden wir nachts um 3 Uhr alarmiert zu Beschwerden in der Bauch-"Gegend". Als wir vor Ort festgestellt hatten, dass die Beschwerden seit dem Vormittag bestehen und wir fragten, warum nicht der HA aufgesucht wurde, hieß es, es sei keine Zeit gewesen, denn die Hausarbeit musste erledigt werden, auf die Frage, warum nicht jetzt erst der HA angerufen wurde und nicht die 112, hieß es mit absolutem Unverständnis und schon leicht aggressiver Stimme, der HA würde ja jetzt schlafen.

Und ich nicht oder was, naja, solange bis der Melder ging, hatte ich geschlafen.

Lösung des Problems: Ganz einfach, wenn keine Lebensgefahr besteht oder auch keine sonstigen schweren gesundheitlichen Schäden vom Patienten abzuwenden sind, ist die Rechnung "Privat" zu bezahlen und nicht durch die Krankenkasse oder das SoziAmt.

@Markus
Ich soll Aufklärung betreiben - nachts um 3 oder wie. Die Politik oder die Gesellschaft oder wer auch immer hat es verbockt und ich darf für 10 Euro die Stunde den Mist korrigieren. Ohne mich.

@All
Dass der Disponent keinen Bock auf Stress hat, kann ich gut verstehn und ich würde es genauso machen. Die Leute werden immer klagewilliger und streitlustiger – Vollkaskobürger eben, das ist ein guter Begriff. Und wenn alle RTW unterwegs sind, muss der Landkreis eben 2 zusätzlich in Dienst stellen, wenn die KK nicht durchgreifen und immer erzählen, es sei alles möglich, dann bitte.
10.08.2012, 08:29 Uhr von Oliver
Die Probleme sind sehr vielschichtig. Als weitgereister RettAss im In- und Ausland, auch 2 Jahre in einem RD im Land Brandenburg, stelle ich fest. Dass es deutlich mehr Alarmierungen für NACA 1 und 2 gibt, als im Vergleich zu einem RD in Süddeutschland oder Norddeutschland.
Ursächlich kommen aus meiner Sicht viele Dinge in Frage.

z.B.
* teilweise unzureichende medizinische Qualifikation der LST-Mitarbeiter
* keine Rückendeckung des Disponenten durch Politik und Leitstellenträger
*kein adäquates kassenärztliches Bereitschaftssystem, bzw. insuff. Durchführung
* die alte Gewohnheit/der alte Anspruch der Ostregion, durch die SMH in die Klinik gefahren zu werden.
*RD-Mitarbeiter, die es nicht anders kennen, und sich bei der täglichen Praxis auch nichts dabei denken, und somit keine Aufklärungsarbeit leisten.
* die politische Intention, Einsatzzahlen zu generieren
10.08.2012, 23:24 Uhr von Uli
Was hat die Vergütung der Ärzte mit dem Organisatorischen System zu tun? Fakt ist der Erfolg der Notrufnummer „112“ im Bewusstsein des Bürgers. Dem steht die „Vollkasko-Mentalität“ des Bürgers entgegen, eigentlich bei der Entwicklung und Fortschreibung/Optimierung von Systemen vorhersehbar. Und jetzt soll zurückgerudert werden. Ob das der richtige Ansatz ist? Entscheidend ist doch, dass wieder einmal nur reagiert wird, obwohl der gesunde Menschenverstand agieren sagt, also rechtzeitiges Erfassen der Probleme und Lösung auf die Zukunft gerichtet. Der Bürger wird in Sachen Sicherheit immer unmündiger, weil es bequemer ist. Und die Politik leistet ihren Beitrag dazu: Die einheitliche Notrufnummer.

Unterschiedliche Rufnummern, unterschiedliche parallele Systeme sind keine Lösung. Die verantwortlichen Politiker, Verwaltungen, Kostenträger und Verbände müssen sich fragen lassen, ob die Optimierung nicht anders erreicht werden kann: Bündelung an einer Stelle mit anschließender Aufteilmöglichkeit. Standesdünkel und individuelle Interessen müssen Sachlichkeit und Erfordernissen weichen!
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