Mit der gestrigen Publikation der Guidelines des European Resuscitation Councils (ERC) in Rotterdam liegt erstmals ein Leitliniendokument vor, das nicht nur Inhalte, sondern auch den Entwicklungsprozess neu definiert. Reanimationsmedizin wird darin als fortlaufender Lernzyklus verstanden – wissenschaftlich, organisatorisch und gesellschaftlich. Die 2025er-Leitlinien beruhen auf dem kontinuierlichen Review-Prozess des International Liaison Committee on Resuscitation (ILCOR). Statt der früheren fünfjährigen Zyklen erfolgt nun eine laufende Bewertung neuer Studien – eine „living guideline“, die Aktualität wahrt, ohne Anwendende durch häufige Revisionen zu überfordern. Neu ist die systematische Integration von Diversität, Gleichstellung und Inklusion (DEI) in alle Phasen der Leitlinienentwicklung. Erstmals wirkten auch Laien, Angehörige und Überlebende als „Community-Berater“ mit – Ausdruck einer erweiterten Verantwortung, die Reanimation als gesellschaftliche Aufgabe versteht. Die neu gestaltete Überlebenskette symbolisiert den Paradigmenwechsel. Prävention steht nun am Anfang, Genesung am Ende: Ziel ist nicht allein die Wiederherstellung des Kreislaufs, sondern die Rückkehr zu Lebensqualität und Teilhabe. Damit rückt die Nachsorge – medizinisch, psychologisch und sozial – in den Mittelpunkt des Behandlungserfolgs.
Aktuelle Registerdaten zeigen eine außerklinische Inzidenz von etwa 55 pro 100.000 Einwohnern und eine Überlebensrate von rund 7%. Der ERC zieht daraus klare Konsequenzen: Leitstellen, Telefonreanimation und Ersthelfer-Apps werden als Pflichtstandard empfohlen. Zudem sollen Cardiac Arrest Centres (CAC) mit 24/7-PCI-, Neuro- und Intensivkapazität flächendeckend etabliert werden. Erstmals werden auch KI-gestützte Systeme benannt – sowohl zur Qualitätssicherung als auch zur prähospitalen Früherkennung von Kreislaufstillständen.
Im Bereich der erweiterten Maßnahmen (ALS) empfehlen die Leitlinien eine physiologisch gesteuerte Reanimation. Maßnahmen orientieren sich an Parametern wie Perfusionsdruck oder endtidalem CO₂, um die Interventionen stärker an die tatsächliche Organperfusion anzupassen. Point-of-Care-Ultraschall (POCUS) wird als diagnostisches Hilfsmittel befürwortet, sofern die CPR nicht unterbrochen wird, und Extracorporeal CardioPulmonary Resuscitation (ECPR) gilt als Option bei refraktärem Kreislaufstillstand in erfahrenen Zentren. In der Postreanimationsbehandlung wurde die Hypothermie aufgegeben. Empfohlen wird nun kontrollierte Normothermie (< 37,8 °C) bei aktiver Vermeidung von Hyperthermie. Die neurologische Prognose soll multimodal und frühestens nach 72 h erfolgen. Cardiac Arrest Centres übernehmen die strukturierte Nachsorge einschließlich Rehabilitation und psychosozialer Begleitung.
Bei Neugeborenen rückt das späte oder physiologische Abnabeln in den Fokus; die Beatmung wird bevorzugt mit CPAP und PEEP-Unterstützung durchgeführt. In der Kinderreanimation werden AED nun auch im Vorschulalter empfohlen, und Debriefing wird fester Bestandteil jedes Einsatzes. Erstmals behandeln die Leitlinien den suizidassoziierten Kreislaufstillstand sowie die Anwesenheit von Angehörigen während der Reanimation. Damit wird Ethik nicht länger als Appendix verstanden, sondern als strukturierter Teil der klinischen Versorgung.
Die Ausbildungskapitel wurden umfassend neu konzipiert und gehen weit über traditionelle Kursformate hinaus. Neben digitalen Simulationen, Virtual-Reality- und KI-gestützten Lernsystemen wird die Anwendung moderner Trainingsmethoden wie Rapid Cycle Deliberate Practice (RCDP) empfohlen – kurze, sofort rückgekoppelte Übungszyklen, die Fehler frühzeitig korrigieren und Lerntransfer verbessern. Zudem wird die Rolle des „CPR Coach“ eingeführt: ein Teammitglied, das während der Reanimation in Echtzeit auf die Qualität der Kompressionen, Beatmungen und Pausen achtet. Ergänzt wird dies durch Microlearning-Konzepte – kurze, häufige Trainings, um Fertigkeiten dauerhaft zu erhalten. Instruktoren sollen regelmäßig rezertifiziert werden; Train-the-Trainer-Programme und Initiativen wie „Kids Save Lives“ gelten als entscheidende Stellschrauben zur Erhöhung der Laienreanimationsrate. (T. Sellmann)
Die ERC-Leitlinien stehen hier zum Download zur Verfügung. Die deutsche Übersetzung einer Kurzfassung ist hier zu finden.

