Einmal Kopfkino, bitte!?
Der Prozess der Entscheidungs­findung im Notruf

Die Alarmierung eines Rettungsmittels ist keine fremdbestimmte und unvermeidbare Konsequenz eines Notrufs, sondern eine bewusste Entscheidung des Disponenten als Endpunkt eines zielgerichteten Prozesses. Denn der Vermittlung einer Hilfeleis­tung muss die Ermittlung des individuellen Bedarfs vorausgehen. Diese Aufgabe scheint im Sinne einer Effizienzwahrung des Systems immer wichtiger zu werden. Auf der einen Seite lassen sich steigende Anruferzahlen vermerken, kombiniert mit einem zunehmenden Anspruchsdenken in Bezug auf die Zuteilung notfallmedizinischer Ressourcen – mittlerweile auch bei Erkrankungen mit fraglicher Indikation oder gar offensichtlichen Bagatellen. Auf der anderen Seite steht ein Rettungsdienst, der infolge steigender Einsatzzahlen und höherer zeitlicher Bindung infolge einer veränderten Kliniklandschaft mit zeit­intensiveren Primäreinsätzen und eiligen Sekundärverlegungen seinen Auslastungsgrenzen immer näher kommt. Ganz zu schweigen davon, dass der vielzitierte Ärztemangel sich im Rettungsdienst bereits heute auswirkt.

Welcher Anrufer benötigt also den Rettungsdienst und den Notarzt, wer benötigt den hausärztlichen Notdienst und bei wem reicht vielleicht ein wenig Anleitung zur Selbsthilfe aus? Diese Bedarfsermittlung ist selbstverständlich nicht immer ganz so einfach wie sie klingt. Sie ist auch nicht folgenlos: Fehleinschätzungen können zu einer Überversorgung mit der Folge einer „Ressourcenverschwendung“ führen oder aber im anderen Extrem eine Unterversorgung mit schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit des Patienten bedingen. Wie soll die Leitstelle mit diesem Problem umgehen – sowohl der Disponent im Alltagsgeschäft als auch die mit Ausbildungsaufgaben befassten Kollegen?

Vor einigen Jahren entbrannte in einer Plenumsdiskussion während des Leitstellensymposiums in Bremerhaven ein Streit um die rettungsdienstliche Expertise des Leitstellendisponenten, der „Bilder im Kopf“ benötige, um sich die Lage vor Ort auf der anderen Seite der Telefonleitung vorstellen zu können. Nur, wie kommen diese Bilder in den Kopf hinein, und wie kann sichergestellt werden, dass das „Kopfkino“ möglichst realitätsnah bleibt? Der zu durchlaufende Entscheidungsprozess beinhaltet im ersten Schritt eine sorgsame und strukturierte Abfrage zur Informationssammlung, die selbstverständlich mit Erfahrung zu tun hat, aber fernab von Fantasie und Imagination eine Problemdefinition einschließlich oft nicht zu eliminierender diagnostischer Unsicherheiten ermöglicht. Es folgen die dazu passende medizinische Gefahrenpotenzialanalyse, eine Priorisierung und die gezielte Auswahl des adäquaten Hilfsmittels. Die Vorstellung eines solchen Prozesses, wenn er fundiert, folgerichtig und objektivierbar abläuft, gefällt mir persönlich viel besser als wenig fassbare Begriffe wie „Kopfkino“ und diffuse „Bauchgefühle“, die im Misserfolgsfall auch gerne mal gegen den Disponenten ausgelegt werden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, lieben Leserinnen und Lesern, viel Spaß mit der neuen Ausgabe!

Herzlichst,

Ihr Hendrik Sudowe

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