Die ARD-Sendung „Report Mainz“ zeigte gestern einen Beitrag mit der Überschrift „Pfusch in der Notaufnahme“. Aufgehängt an zwei Beispielen, in denen Patienten in der Notaufnahme erst nach Stunden oder in einem tragischen Fall sogar gar nicht behandelt wurden, ging es um die Zustände in den Notaufnahmen, die sich einer immer größer werdenden Zahl von Patienten gegenüber sehen. Dabei kamen auch Rettungsassistenten zu Wort, die anonymisiert ihre Eindrücke schilderten: „Wir erleben es immer wieder, dass es in der Notaufnahme zu Wartezeiten kommt, weil nicht genügend Personal da ist. Man kann sagen, dass wir in sieben von zehn Fällen da warten müssen.“ Und das betreffe auch lebensbedrohlich erkrankte oder verletzte Menschen.
Doch es liege nicht nur daran, dass es zu wenig Ärzte in den Notaufnahmen gibt. Diese seien auch häufig zu jung und unerfahren. Experten, so heißt es in dem Beitrag, sehen enorme Defizite bei der Qualifikation der Ärzte in den Notaufnahmen. Barbara Hogan, Vizepräsidentin der Europäischen Gesellschaft für Notfallmedizin (EuSEM): „Ich halte Deutschland für ein Entwicklungsland was die notfallmedizinische Qualifikation angeht. In den meisten europäischen Ländern gibt es die fünfjährige Ausbildung zum Facharzt für Notfallmedizin, und da muss Deutschland unbedingt anschließen.“ Die Bundesärztekammer sieht in einem Facharzt Notfallmedizin hingegen keine eigenständige Qualifikation, deshalb sei er auch nicht nötig.
Den vollständigen ARD-Beitrag kann man sich hier ansehen.


Kommentare
D. Kanz
Anästhesistin & Notärztin
"Ich halte Deutschland für ein Entwicklungsland, was die notfallmedizinische Qualifikation angeht."
Anscheinend war die Vizepräsidentin des EuSEM noch nie in einem Entwicklungsland. Hier dürfte wohl vor allem Lobbyarbeit oder Selbstdarstellung des Verbandes im Vordergrund stehen, um Eigeninteressen zu verfolgen. Auch selbst im europäischen Vergleich liegt die Qualifikation des nicht-ärztlichen/ärztlichen Personals wohl vermutlich deutlich über dem Durchschnitt. (insb. im Vergleich zu Mittel/-Osteuropa). Ganz davon abgesehen, dass wir in Deutschland eine notfallmedizinische Versorgung haben, die so ungefähr 80% der Länder dieser Welt überhaupt nicht oder nur marginal existiert.
Natürlich: das deutsche Gesundheitssystem ist nicht das beste, weiß Gott nicht, es steht vor zahlreichen und schwierigen Herausforderungen, aber Übertreibungen dürften wohl eher wenig bei der Bewältigung helfen.
warum so heftig? Hast du dir den Bericht eigentlich angeschaut? Frau Hogan hat doch den europäischen Vergleich gezogen. Und wer schon mal in einem niederländischen Krankenhaus war weiß, was Professionalität ist. Wie oft wird in der Notaufnahme verharmlost, nicht zugehört oder einfach "auf die lange Bank" geschoben. "Kann der sitzen?" ist doch fast die erste Frage. Es sind doch schon Patienten in der Notaufnahme unterzuckert, obwohl sie mit der Diagnose "Hypoglykämie" eingeliefert wurden. Und wenn man dann keine Glucose mehr gibt ... da fasst man sich doch an den Kopf, wenn man das mitbekommt.
Es würde schon helfen, wenn alle aufnehmenden Ärzte überhaupt wüssten, was Rettungsdienst überhaupt ist. Und wenn, wie in manchen Kliniken üblich, überhaupt kein Arzt fest in der Notaufnahme eingeteilt ist, sondern für Intensiv, Aufnahme und vielleicht noch weitere Stationen, insbesondere nachts, zuständig ist, dann kann man sich denken, wie schnell in der Klinik Maßnahmen eingeleitet werden können.
Eine professionelle, leistungsfähige Notaufnahme sollte für ein Krankenhaus heutzutage selbstverständlich sein. Davon sind wir in der Tat noch weit entfernt ...
Das Wort "Entwicklungsland" ist schon zutreffend, denn welches Land als Entwicklungsland einzustufen ist oder nicht, hängt vom Maßstab ab, an dem man die Entwicklung eines Landes misst. Und in dieser Reportage geht es um Europa und nicht um die ganze Welt!
Keine Birnen mit Äpfeln vergleichen!
Es gibt durchaus funktionierende Notaufnahmen und es gibt funktionierende Systeme zur Einschätzung der Behandlungspriorität. Das Manchester-Triage-System sei hier nur beispielhaft genannt. Eine ausreichende Personaldecke ist allerdings auch hier unabdingbar.
Zum Facharzt für Notfallmedizin, da wäre ich persönlich absolut dafür! Eine ordentliche Querschnittsausbildung mit Schwerpunkt auf Notfallmedizin und Diagnostik würde sicherlich nicht schaden.
- Übergabe an den Arzt nicht oder nur zeitverzögert möglich
- Krankenhäuser raten bei bestimmten Krankheistbildern von ihrer eigenen Notaufnahme ab
- Voranmeldungen (Schockraum) werden ignoriert
- das altbekannte Hin und Her beim unklaren Abdomen: chir. NA/int. NA
Dies sind nur die Evergreens unter den Problemen.
An den ganzen Abläufen besteht durchaus Potenzial und Bedarf für Verbesserungen.
Abschließend noch kurz zu MTS: Wenn in einem arztzentrierten System wie in Deutschland Ärzte freiwillig Kompetenzen weitergeben (auf noch nicht gerichtlich getesteter rechtlicher Basis) ist das durchaus auffällig.
Fazit: wir sind besser als "Timbuktu". Mag jemand einen Vergleich etwa mit den Niederlanden anstellen? :)
Ich sehe das Ganze so: Wir sind im europäischen Vergleich ein Witzverein, weil die Bundesärztekammer dem rettungsdienstlichen Personal nichts zutraut. Fakt ist auch, dass es in den Notfallaufnahmen doch so aussieht, weil der Bund wo als erstes spart? Ja! Im Gesundheitssystem. Zu wenig Personal für zu viel Patienten und es notgezwungen dadurch zu Kommunikationsschwierigkeiten kommen muss! Und ich kann der Aussage, dass die BRD ein notfalmedizinisches Entwicklungsland ist, nur zustimmen. Kleines Beispiel: Welches Land hat bitte 16 verschiedene Rettungsdienstgesetze?
Kleines Beispiel: Notarztsysteme gibt es u.a. in Österreich, Schweiz, Frankreich, Spanien, Italien, Frankreich, Belgien, Luxemburg, ... ich empfehle Dir hierzu folgende Quelle: http://bit.ly/yExus3
In föderalen Systemen ist es durchaus nicht unüblich, dass es mehr als nur ein Rettungsgesetz gibt. Da gibt es Länder mit einer weit höheren Anzahl an unterschiedlichen "Rettungsdienstgesetzen".
Was die Bundesärztekammer angeht, man will manchen Hausärzten nicht weh tun. Auch bei vielen der HA ist die Entwicklung stehen geblieben. Es hat u.a. einen Grund, warum die Pathologen seit Jahren eine amtl. Todesschau fordern.
Oder man erkläre der Bevölkerung den Unterschied, Notfalldienst und Notarztdienst! Auch das meiste Personal in den Krankenhäuser, Alters- und Pflegeheimen kennt den Unterschied nicht zwischen Notarzt und Notfallarzt.