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Effektivität und ökonomischer Nutzen von Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung

11.11.2014, 13:32 Uhr

Foto: P. Köhler/DRK

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Fragen nach der Wirksamkeit eines betrieblichen Gesundheitsmanagements bzw. der Effektivität einzelner gesundheitsfördernder Maßnahmen im Unternehmen werden immer wieder gestellt. „Was kostet uns das?“ „Bringt uns das etwas, und brauchen wir so was überhaupt?“ Wie vor jeder unternehmerischen Entscheidung stellen sich diese Fragen auch beim Thema „betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) bzw. betriebliche Gesundheitsförderung (BGF). Eine interessante Gegenfrage wäre allerdings: Was kostet es, wenn man nichts für die Gesundheit bzw. für die Gesundheitsförderung im Unternehmen tut? Im Rahmen dieses Artikels sollen die Effektivität sowie der ökonomische Nutzen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements bzw. einzelner gesundheitsfördernder Maßnahmen in einem Rettungsdienstunternehmen beschrieben werden.

Viele Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere, wünschen sich zur Überprüfung der Frage, ob sich Investitionen in betriebliche Gesundheitsförderung lohnen, ein unaufwendiges Verfahren. Um festzustellen, ob sich Investitionen im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung „lohnen“ und ohne gleich ein komplettes Controllingsystem aufbauen zu müssen, wurde vom Institut für betriebliche Gesundheitsförderung (BGF-Institut) in Köln eine Formel entwickelt, die einfach anwendbar ist und den Nutzen von gesundheitsfördernden Maßnahmen kurz und prägnant ermittelt. Der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens bzw. einer Hilfsorganisation hängt demnach vor allem vom Wissen, den Fähigkeiten und der Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter ab, da nur gesunde und zufriedene Mitarbeiter dauerhaft motiviert, ausreichend belastbar und kreativ tätig sind. Der permanente Wandel der Arbeitswelt, der Fachkräftemangel sowie die demografische Entwicklung machen Investitionen in die Leitungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter unverzichtbar. Arbeiten bis 67 bei zunehmender Arbeitsintensität, steigender Komplexität der Arbeitsbewältigung und eine weitere Beschleunigung der Prozesse sind ohne eine nachhaltige körperliche und geistige Fitness undenkbar. Wer das nicht wahrhaben will oder für Privatsache hält und deshalb auf Investitionen in die Gesundheit der Belegschaft verzichtet, wird über kurz oder lang Probleme bekommen. Die drastisch steigenden Arbeitsunfähigkeitsfälle wegen psychischer Störungen in vielen Unternehmen sind ein unübersehbarer Beleg für diese Prognose. Wer diese Entwicklung durch gezielte Präventionsarbeit vermeidet oder wenigstens eingrenzt, ist dagegen bereits auf der Gewinnerseite.

„Krankheit kostet weit mehr als nur die Entgeltfortzahlung“

„Krankheit kostet Gesundheit“ – das muss immer wieder in Erinnerung gerufen werden, wenn über die ökonomische Seite gesprochen wird. Dass Arbeit nicht krank machen darf, ist eine Selbstverständlichkeit. Gesundheit ist aber mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Sie bedeutet Lebensfreude, Teilhabe und Arbeitsfähigkeit, womit Gesundheit eine Ressource ist. Nicht umsonst hat der finnische Arbeitsmediziner, Professor Juhani Ilmarinen seinem weit verbreiteten „Haus der Arbeitsfähigkeit“ als Basisgeschoss die Gesundheit gegeben. Erst darauf bauen sich Kompetenz, Werte und Arbeitsorganisation auf, ganz nach dem Motto Arthur Schopenhauers (1788-1860): „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Ökonomisch betrachtet kostet Arbeitsunfähigkeit im Unternehmen zunächst unproduktiven Lohn, die Entgeltfortzahlung bis zur Dauer von sechs Wochen. Lange wurde behauptet, dann würden die anderen Mitarbeiter die Arbeit des arbeitsunfähigen Kollegen auffangen, sodass kein Produktivitätsverlust eintritt. Angesichts der Arbeitsdichte in den Unternehmen sowie der zunehmenden Einsatzzahlen und des steigenden Einsatzaufkommens ist diese These aber schon lange nicht mehr haltbar. Was ein Krankheits- bzw. ein Arbeitsunfähigkeitstag kostet, ist oft berechnet worden (1). Das Statistische Bundesamt bezifferte die durchschnittlichen Kosten einer Arbeitsstunde inklusive Lohnnebenkosten für 2011 auf 34,40 Euro. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Entgeltfortzahlung ein bedeutsamer Wert. Im Jahr 2010 zahlten die Firmen nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft insgesamt 35,1 Mrd. Euro, also 5,2 Mrd. Euro mehr als noch 2006 (5). Mit einer durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit von 12,6 Tagen je Arbeitnehmer ergeben sich im Jahr 2011 insgesamt 460,6 Mio. Arbeitsunfähigkeitstage. Den Produktionsausfall wegen Arbeitsunfähigkeit schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) auf 46 Mrd. Euro und den Ausfall an Bruttowertschöpfung sogar auf 80 Mrd. Euro. Diese Schätzung basiert im Jahr 2011 auf Arbeitsunfähigkeitsdaten von rund 24 Mio. GKV-Mitgliedern (Pflichtversicherte und freiwillige Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung mit Krankengeldanspruch, ohne Rentner und mitversicherte Familienmitglieder) (2).

„Der Aufwand für das Gesundheitsmanagement wird oft überschätzt“

Ohne eigenen Zeit- und Personalaufwand ist die Implementierung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements bzw. einer betrieblichen Gesundheitsförderung nicht möglich. Aufwendungen für Investitionen, z.B. für ergonomische Verbesserungen oder für Seminare von Führungskräften bzw. Schulungen von Mitarbeitern (z.B. Rückenschule, Fitness- und Ernährungsschulungen, Antistress- und Entspannungstraining), müssen einkalkuliert werden. An vielen Maßnahmen beteiligen sich in aller Regel die Krankenkassen und gelegentlich auch die Berufsgenossenschaften, was die eigenen Aufwendungen erheblich reduzieren kann. Bis zu einem Betrag von 500 Euro je Mitarbeiter pro Jahr können viele Aufwendungen, die im Unternehmen verbleiben, nach § 3 Nr. 34 Einkommenssteuergesetz sogar steuerlich geltend gemacht werden. Leider wird der Aufwand von Unternehmen zur Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements bzw. einzelner gesundheitsfördernder Maßnahmen oft überschätzt. Nur wenn erhebliche ergonomische Mängel festgestellt werden, z.B. bei Hebe-, Trage- und Transportvorrichtungen, oder bei anderem arbeitsnotwendigen Inventar (z.B. Büromöbel, Computerbildschirme) sind größere Investitionen notwendig. Zum größten Teil ist es aber der Personaleinsatz, der zu Buche schlägt – etwa durch die Organisation des betrieblichen Gesundheitsmanagements, Sitzungen eines Arbeitskreises Gesundheit, die innerbetriebliche Werbung für die Aktion oder z.B. auch regelmäßige „Mitarbeiter(Gesundheits)gespräche“. Bei diesen Maßnahmen bietet es sich an, einen speziell geschulten bzw. ausgebildeten Mitarbeiter als Gesundheitsbeauftragten bzw. Gesundheitsmanager einzusetzen. Die gesundheitliche Mitarbeiterbetreuung im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements kann auch ohne detailliertes „Insider-Wissen“ durch Gesundheitsmanager professionell vorgenommen werden. Dank der Neutralität und Distanz gelingt es oftmals sogar besser, die Ursachen für die Sorgen und Nöte der Mitarbeiter zu erkennen und Maßnahmen zu initiieren, die zu einer Verbesserung der gesundheitlichen Situation führen. Insbesondere „Mitarbeiter(Gesundheits)gespräche“ über Fehlzeiten aufgrund von physischen oder psychischen Erkrankungen können von „neutralen“ Gesundheitsmanagern meist besser als von Vorgesetzten geführt werden: Im Gegensatz zu einem Mitarbeitergespräch mit einem Vorgesetzten herrscht hier in der Regel eine entspanntere, angst- und aggressionsfreie Atmosphäre. Ob es sich bei dem personellen Einsatz eines Gesundheitsmanagers jedoch um einen zusätzlichen Aufwand handelt oder ob nur Arbeitsinhalte verschoben bzw. kostenneutral ausgetauscht werden, ist für die Kostenbetrachtung entscheidend. Die Aufwandseite darf zwar nicht vernachlässigt werden, ist aber zumeist überschaubar und verkraftbar. Geplante Projekte des betrieblichen Gesundheitsmanagements scheitern in der Praxis häufig an Personalverantwortlichen, die sich keine Zeit für dieses Thema nehmen können oder wollen.

Nutzenberechnung gesundheitsfördernder Maßnahmen ganz einfach

Viele Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere, wünschen sich zur Überprüfung der Frage, ob sich Investitionen in betriebliche Gesundheitsförderung lohnen, ein unaufwendiges Verfahren. Um diesen Wunsch Rechnung zu tragen, wurde vom ehemaligen Direktor des Instituts für betriebliche Gesundheitsförderung BGF GmbH in Köln, Heinz Kowalski, eine entsprechende Formel entwickelt. Diese Formel ist einfach anwendbar, erfordert kein umfassendes Controllingsystem und ermittelt den Nutzen von gesundheitsfördernden Maßnahmen kurz und prägnant. Dadurch, dass die Formel so einfach und kurz ist, „auf einen Bierdeckel passt“ und am Standort des BGF-Instituts in Köln entwickelt wurde, hat sie passend ihren Namen erhalten: die „Kölsche Formel“. Mit ihrer Hilfe lässt sich der wirtschaftliche Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderungsmaßnahmen näherungsweise darstellen. Dazu werden die ersparten Fehlzeitenkosten den entstandenen Kosten für betriebliche Gesundheitsmaßnahmen gegenübergestellt. In einem ersten Schritt wird der Bruttoertrag durchgeführter Maßnahmen errechnet, indem die ersparten Entgeltfortzahlungen nach der Einführung von Gesundheitsmaßnahmen im Vergleich zu den vorherigen Entgeltfortzahlungen bezogen auf einen definierten Zeitraum ermittelt werden. In einem zweiten Schritt werden die Aufwendungen, die durch umgesetzte Maßnahmen entstanden sind, addiert. Dabei sind auch etwaige finanzielle Zuschüsse, die aus Steuervorteilen und Krankenkassenzuschüssen resultieren, zu berücksichtigen. Die Ergebnisse der bisherigen Berechnungen bilden die Grundlagen, um sowohl den Nettoertrag durchgeführter Gesundheitsmaßnahmen (Subtraktion des Nettoaufwands vom Bruttoertrag), als auch den Return on Investment (ROI) zu ermitteln. Letzterer gibt Aufschluss über die Kosteneinsparungen, die erst durch die Investition entstanden sind. Die Berechnung des ROI erfolgt durch die Division des errechneten Bruttoertrags dividiert durch den Aufwand der durchgeführten Gesundheitsmaßnahmen (6). Im Kasten finden Sie ein konkretes Rechenbeispiel der „Kölschen Formel“.

Schlussbetrachtung

Wem diese einfache Berechnung nicht ausreicht, dem seien an dieser Stelle in Anlehnung an (3) andere Kosten-Nutzen-Modelle empfohlen (z.B. Kostenanalyse, Kosten-Wirksamkeitsanalyse, Kosten-Nutzwertanalyse, Kosten-Nutzen-Analyse). Dennoch ist die „Kölsche Formel“ eine gute Orientierungshilfe, um Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung in ökonomischer Hinsicht zu bewerten. Zusätzlich zu internen Fehlzeitenstatistiken und betrieblichen Gesundheitsberichten der Krankenkassen bietet die „Kölsche Formel“ eine Orientierungshilfe, um Gewissheit über den Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderungsmaßnahmen zu erlangen. Als Gesamtergebnis kann festgehalten werden, dass sich Investition in ein betriebliches Gesundheitsmanagement bzw. gesundheitsfördernde Maßnahmen sehr häufig durchaus lohnen. Natürlich nur dann, wenn der Kostenaufwand in einem angemessenen Rahmen bleibt. Nicht jedes BGM lohnt sich – das sagt indirekt auch die „Kölsche Formel“. Der permanente Wandel der Arbeitswelt und die demografische Entwicklung machen Investitionen in die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter unverzichtbar. Die Gesundheit der Mitarbeiter wird somit zu einem entscheidendem Erfolgs- und Produktivitätsfaktor moderner Unternehmen im 21. Jahrhundert.

 

Autor:

Jean-Claude Balanck
Master of Health Business Administration, M.A.
Gesundheitsmanager (FH), Lehrrettungsassistent
Arbeiter-Samariter-Bund Landesverband Hessen
RV Kassel-Nordhessen
jbalanck@web.de

 

Literatur:

  1. Balanck J-C (2013) Krankentage im Rettungsdienst – Mehr als nur ein fehlender Mitarbeiter. Rettungsdienst 36: 220-225
  2. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2014) Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2012. www.baua.de/de Informationen-fuer-die-Praxis/Statistiken/Arbeitsunfaehigkeit/Kosten.html
  3. Gloede D (2010) Betriebliche Gesundheitsförderung und wirtschaftliche Effizienz. Bericht aus dem Fachbereich Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften. Beuth Hochschule für Technik, Berlin. fb1.beuth-hochschule.de/file/ullmann/Beuth_FB-I_2010-07.pdf
  4. Ilmarinen J, Tempel J (2002) Arbeitsfähigkeit 2010 – Was können wir tun, damit Sie gesund bleiben? VSA, Hamburg. www.neue-wege-im-bem.de/sites/neue-wege-im-bem.de/dateien/download/arbeitsfaehigkeit_2010_buch.pdf
  5. Institut der Deutschen Wirtschaft (Hrsg.) (2013) Deutschland in Zahlen 2013. IW Medien, Köln
  6. Kowalski H (2012) „Kölsche Formel“ für Gesundheit. Personalmagazin 14 (12): 42-46. www.haufe.de/download/personalmagazin-ausgabe-122012-personalmagazin-147050.pdf
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